Volksverdummung binnen 24 Stunden. Geht das?

Hat die Einführung des lateinischen Alphabets durch Atatürk, die Türken Übernacht, unwissend und dumm gemacht?

Ich muss kurz warten, bevor ich weiter schreibe, die Hühner lachen.

Ich weiß, meine Frage oben klingt nicht ganz gesund, aber das ist das Argument der Atatürk Gegner, die ein, damals dummes Volk, auf einen Schlag, reinwaschen und eine Erklärung für deren Dummheit schaffen wollen.

Das soll die Erklärung für die Dummheit, oder abgeschwächt: Unwissenheit, sein.

Dass, was ich hier zum Besten gebe, habe ich aus dem persönlichen Blog von Prof. Dr. Ramazan Demir entnommen und auf meine Art abgerundet.

Lassen wir Daten und Fakten sprechen:

Als das neue Alphabet eingeführt wurde lebten in Anatolien 13-14 Millionen Menschen. Die meisten davon waren Frauen, Kinder, Ältere und Kriegsversehrte.

  • Nur 7% der Männer konnten Lesen und Schreiben. Bei den Frauen betrug die Quote gar 4 Promille. In diesen Zahlen sind allerdings auch die Nichtmuslime enthalten. Wenn man weiß, wie wichtig für diese Bildung war, kann man davon ausgehen, dass deren Anteil in den genannten Zahlen viel größer war.
  • Wie viele Bücher wurden im osmanischen Reich gedruckt?

Ihr könnt sicher sein, dass ich mich jetzt nicht verschreibe: Zwischen 1727 und 1830, also in 100 Jahren wurden ganze 80 Bücher gedruckt. Einige wenige handschriftliche Bücher gibt es auch noch. Nehmen wir an, dass nochmal so viele religiöse Bücher, Märchenbücher etc. gegeben hat.

Ich glaube an dieser Stelle kann man die Frage stellen: Wie soll ein Volk lesen und schreiben können und nicht dumm sein, wenn nicht einmal Bücher existieren?

Wie kann man ein damals dummes unwissendes Volk noch dümmer machen?

  • Allah sagt: “Lese!” und dieses hat Mustafa Kemal Atatürk in Anatolien bekannt gemacht. Gerade mal 10 Jahre nach der Einführung des neuen Alphabets, konnten 20% der türkischen Bevölkerung lesen und schreiben.

Jetzt tut nicht so, als hätten die Osmanen die Renaissance erlebt, wären erleuchtet gewesen, hätten das Industriezeitalter nicht verpasst, hätten überall Bücher liegen gehabt, Büchereien an jeder Ecke und das Volk soll in 24 Stunden verdummt worden sein?

Allah’s Geschöpfe, kehrt in Euch und denkt nach! Kann das sein?

Wenn Ihr so weitermacht, werden die neuen Generationen tatsächlich glauben, dass die Menschen in der Türkei innerhalb 24 Stunden verdummt seien.

Ich wiederhole mich gerne. 7% der Männer und nur 4 Promille der Frauen konnten lesen und schreiben. Was dann innerhalb kurzer Zeit geschafft wurde, damit sollt ihr euch rühmen. 20% konnten innerhalb 10 Jahre lesen und schreiben.

  • Wer das Volk täuscht, Atatürk in einem schlechten Licht darstellen versucht und behauptet mit der Republik sei das Volk verdummt worden, ist ein Lügner und Verleugner. Allah möge euch auf den rechten Weg weisen! Vergisst nicht, Allah mag Lügner nicht!
  • Außerdem solltet ihr noch eines wissen: Mit dem neuen Alphabet kam nicht eine neue Sprache zur Anwendung. Vorher bestand das Osmanisch aus einem Durcheinander von Türkisch, Arabisch und Persisch. Mit dem neuen Alphabet wurde Türkisch gesprochen.

Diejenigen unter Euch, die verstehen wollen, haben es verstanden. Die anderen verweise ich Allah.

http://www.r-demir.com/makalelergsboncekilergoster.aspx?m=250

 

Hier noch zusätzliches Wissen (wenn ihr noch mögt):

Der osmanische Sultan und beherrscher des Osmanischen Reiches Bayezid *verbietet* bereits ca. 1483 den Buchdruck bei Todesstrafe!

Ebenfalls verboten bei Todesstrafe war es, Bücher aus dem Westen in das Osmanische Reich zu importieren! Wie schon erwähnt, bleib dieses Verbot, das von Bayezids Sohn und Nachfolger nochmals explizit erneuert wurde, bis zum Jahre 1727 im Osmanenreich in Kraft!

Interessanterweise betraf dieses Verbot nur den Buchdruck in arabischen Schriftzeichen, was damals im osmanischen Reich die gängige Schrift war!

Daß Bayezid ansonsten hin und wieder Ausnahmen zuließ, die jedoch nur Nichtmoslems betrafen, zeigt recht deutlich daß er, der den Beinamen “der fromme” trug, vor allem um seine moslemischen Bürger besorgt war und dass er unheilvolle Einflüsse aus dem Westen befürchtete. Aus Spanien ins Osmanische Reich geflüchteten Juden wurde so z.B. erlaubt, Bücher für sich zu drucken, also nicht auf arabisch! Ansonsten herrschte weitgehende Abschottung, Bücherverbot und Druckverbot für die nächsten fast 300 Jahre im Osmanischen Reich.

Erste Buchdruckpresse in Istanbul:

“1729 Konstantinopel Erste Presse zum Drucken auf Arabisch im
osmanischen Reich eingerichtet, gegen starken Widerstand der Kopisten und teilweise moslemischer Religionsgelehrter. Die Druckerei blieb bis 1742 in Betrieb und gab ausschließlich nicht-religiöse Werke heraus, insgesamt siebzehn an der Zahl.

Zur Aufhebung des Buchdruckverbotes im Osmanischen Reich schreibt Mittermeier:

“Bevor Achmed III. einen entsprechenden Ferman (Edikt) erließ, holte er eine Fatwa (Rechtsutachten) religiöser Autoritäten ein – des Scheichülislam sowie der Kadis von Istanul, Saloniki und Galata. Ihrer Rechtsmeinung entsprechend wurde die Erlaubnis des Drucks auf Werke säkularen Wissens wie Medizin, Astronomie, Philosophie oder Geographie beschränkt. Theologische Literatur sowie Werke der religiösen Überlieferung und der Rechtswissenschaft blieben weiterhin ausgeschlossen. Der Koran selbst wird gar nicht erwähnt. So selbstverständlich erschien es offenbar allen Beteiligten, dass das heilige Buch des Islam nicht mit dieser Technik reproduziert werden dürfe. Dass die Druckpolitik der osmanischen Sultane stark religiös motiviert war, steht wohl außer Zweifel.”

Erst 1727 – also fast drei Jahrhunderte nach der Erfindung Gutenbergs – wurde auch den islamischen Untertanen des Sultans der Buchdruck erlaubt.

Hier wird doch sehr deutlich, wie sehr die damaligen Osmanen auf Abschottung bedacht waren! Was andere Länder und Weltreiche dankbar nutzten, um Informationen schneller auszutauschen und für Bildungszwecke, das erschien den Osmanen 3 Jahrhunderte so gefährlich, dass sie diese Technologie bei sich einfach verboten hatten!

Über die Gründe dafür denkt ein Zeitgenosse damals so nach:

“Ogier Ghislain de Busbecq war ein hoch gebildeter niederländischer Adeliger, der als Gesandter Ferdinands I. an der Hohen Pforte viele Jahre im Osmanischen Reich verbrachte. Bei ihm findet sich eine sehr pointierte Stellungnahme zur Frage des Kulturtransfers. Keine Nation der Welt, meint er, zeige größere Bereitschaft als die Türken, ihnen nützliche Erfindungen von Fremden zu übernehmen. Das zeigen Kanonen, Musketen und viele andere Dinge, die von Christen erfunden wurden. Zwei Ausnahmen hebt er jedoch besonders hervor, den Buchdruck und die öffentlichen Uhren. Die Uhren würden die Autorität der Muezzine und ihrer traditionellen Riten schädigen. Noch grundsätzlicher wäre die Beeinträchtigung durch den Buchdruck. Wenn die heiligen Schriften gedruckt würden, könnten sie nicht mehr als Schriften angesehen werden.

In beiden Fällen behinderte also nicht kulturelle Fremdheit, sondern religiöse Unvereinbarkeit die Übernahme. Wenn Druck nicht als Schrift angesehen werden konnte, so musste ein gedruckter Koran als untragbar gelten.”

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