Türkei – Auf den Willy-Brandt-Effekt setzen?

Liebe Freunde, wie das Leben so spielt. Ich habe mit einem Freund gewettet, dass ich ein Handy-Video zum Referendum in der Türkei machen würde (2,5 Minuten), welches mindestens über 300.000 Mal aufgerufen werden würde. Dabei muss ich festhalten, dass meine Beiträge im facebook bis dahin max. 300Mal geliked wurden. Also eine Herausforderung vom feinsten, um gleich das Tausendfache zu erzielen.

Ich habe es getan. Im Video habe ich einen Zettel hochgehalten auf dem stand “Neden Evet?”. Übersetzt: “Warum Ja?” (Dieser Beginn, auch der Schlüssel zu Millionen von Aufrufen, basierte auf 30 Jahren Vertriebserfahrung). Auf den ersten Blick sah es so aus, als wollte ich erläutern, warum man beim Referendum JA sagen sollte. Da die Ja-Sager nicht einen einzigen triftigen Grund hatten, sprangen alle auf den Zug auf.

“Endlich einer, der uns Gründe für ein JA liefert” dachten sie. Mit ruhiger Stimme, ohne jemanden zu verletzen und anzugreifen, habe ich die Argumente des türk. Präsidenten pulverisiert.

Das Ergebnis: Über 15 Millionen Aufrufe in 2 Wochen. Wette gewonnen, Türkei verloren. Soviel zur freien Meinungsäußerung in der Türkei. Mit einem 2-Minuten-Video, indem ich sachlich die Gründe für ein NEIN aufzählte, wurde ich zur stärksten Ein-Mann-Opposition in der Türkei. Eigentlich nicht weiter schlimm. Denkste! Ankara dachte anders darüber. Während ich glaubte, ich könne in meinem Paradies Alanya alt werden, dachte Ankara anders darüber. Nun bin ich wohlauf in Deutschland angekommen. Kaltstart Nr. 137

Wenn die Türkei die Hauptzutat in Deinem Beruf ist, brauchst Du in deinem Leben nicht auf gleichmäßigem Verlauf setzen. Immer gibt es Schwankungen.

Die Wirtschaft liegt am Boden. Das Wirtschaftswachstum von 2,9% wird als ein Erfolg verkauft. In einem Schwellenland, wie die Türkei es ist, sind 2,9% bei weitem zu wenig. Vor allem, wenn man 6% erwartet hat, dann auf 4% korrigieren musste, um dann am Ende ein Wachstum unter 3% erzielt hat. Das ist bestenfalls ein ‘Stillstand’, aber kein Wachstum, zumal die Hälfte die staatlichen Investitionen und die Bauwirtschaft im Lande ausmachen und die andere Hälfte die Exporte der ausländischen Autohersteller in der Türkei.

Wie wird es nach dem 16. 04. weitergehen mit der Wirtschaft? Schlecht! Kommt ein JA raus, werden die ausländischen Investoren ausbleiben. Das sage nicht ich, sondern das ist Fakt.

Weltweit hat man Ein-Mann-Regimes noch nie getraut.

Schließlich kann dieser eine, wer es auch ist, heute so und morgen so entscheiden. Was ist, wenn ein NEIN rauskommt beim Referendum? Das Gleiche wie oben. Schließlich steht der Herr Erdogan nicht zur Wahl. Er bleibt! Solange er bleibt, wird man schwerlich der türkischen Wirtschaft Vertrauen schenken können. Auch der Tourismus wird leiden, bis Amerika eines Tages auf den Knopf drückt und “Genug” sagt. Wie bei anderen Führern des Orients.

Ist mir das Referendum somit egal? Sicherlich nicht. Bei einem ‘Nein’ wird das Chaos Bestand haben, nur besteht dann eine kleine Hoffnung, dass die Dynamik in der Politik eine andere Wendung nimmt. Ich setze auf den Willy Brandt-Effekt. Der große Mann der deutschen Politik sagte zum Jahrestages des Mauerbaus immer wieder, dass die Mauer fallen wird. Ich glaube nicht, dass er zu der damaligen Zeit wirklich selber daran glaubte, aber er sagte es immer wieder. Siehe da, es passierte tatsächlich. Ich denke, dass die Türkei auf die Fabrikeinstellungen zurück muss, damit es wieder von vorne losgehen kann.

So viel brachliegendes Potential muss doch mal zum Leben erweckt werden.

Die Frage dabei ist, durch wen? Dazu bedarf es sicher zwei Generationen in Folge, voll Wissen und Weitsicht. Nur mit der Ausbildung der ersten Generation hat man noch nicht begonnen. Ganz im Gegenteil. Die religiösen Schulen sind auf dem Vormarsch und aus denen entspringen zwar Staatsmänner, wie Erdogan, aber keine Wissenschaftler.

Meine Hoffnung waren immer die Türkischstämmigen in Deutschland. Ich dachte, wer die gleichen Schulen und Unis besucht, wie die Deutschen, der wird auch die Türkei voranbringen können, so wie die Ur-Deutschen , die Deutschland zu einer Industrienation machten. Falsch gedacht!

Sie folgen und folgten dem Erdogan. Also kann man sie auch abschreiben, in Zusammenhang des Weiterkommens der Türkei. Was haben wir somit auf der Haben Seite, zum Wohle und Zukunft der Türkei? Mir fällt nichts ein.

Video “Neden Evet?”  (über diesen waren es ca. 3,5 Mio. Aufrufe. Bitte die Kommentare der Evet-Seite beachten. Keine Argumente, nur Flüche und sonst nichts zur Hand.)

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